«streben, suchen, finden»
Bern, 07.11.2026 — Laudatio von Bundesrat Martin Pfister, Chef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), für Prof. Dr. Thomas Zurbuchen anlässlich der Verleihung des Prix Suisse. Bern, Samstag, 7. November 2026.
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler (Viktor Rossi)
Sehr geehrte Frau Alt-Bundesrätin (Ruth Metzler)
Sehr geehrte Regierungsrätinnen und Regierungsräte des Kantons Bern
Sehr geehrte Frau Stadtpräsidentin (Mareike Kruit)
Sehr geehrte Stiftungsräte (Rudolf Obrecht, Stefan Linder)
Werte Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehr geehrter Professor Zurbuchen,
Werter Thomas,
Es ist mir eine grosse Ehre, heute Deine Laudatio halten zu dürfen.
Vielleicht fragen Sie sich, weshalb ausgerechnet ein Historiker vor Ihnen steht, der im Physik-Unterricht nicht mit besonderen Talenten aufgefallen ist.
Allenfalls liegt es daran, dass Thomas Zurbuchen und ich die eine oder andere berufliche Gemeinsamkeit pflegen.
- Wir beschäftigen uns beide mit Fluggeräten. Seine fliegen allerdings ein bisschen weiter. Und heben insbesondere schneller ab.
- Und wir haben beide mit Fliehkräften zu tun. In der Raumfahrt gehören sie zum Alltag. In Bundesbern sorgen sie gerade in diesen Tagen für Spekulationen.
Umso wichtiger ist es, die Bodenhaftung nicht zu verlieren.
In meinem Büro stehen aus diesem Grund, zwischen vielen Akten, zwei Metall-Stücke.
Das eine ist die Bronze-Büste eines früheren Bundesrates. Über Philipp Etter habe ich vor vielen Jahren einmal eine Arbeit geschrieben. Sie erinnert mich daran, dass selbst Bundesräte irgendwann Geschichte werden.
Das zweite Stück hat eine etwas weitere Reise hinter sich. Es ist ein Meteorit. Dieses Stück Kosmos auf dem Schreibtisch lässt vieles auf seine angemessene Grösse schrumpfen. Und lenkt den Blick nach oben.
Damit bin ich bei Thomas Zurbuchen.
Auch seine Geschichte beginnt mit einem Blick nach oben.
Der Film über ihn hat uns eben gezeigt, wohin dieser Blick führte: Von Heiligenschwendi über Bern und Michigan bis an die Spitze der NASA.
Man könnte diese Geschichte in einer Schlagzeile zusammenfassen: «Der Mann, der nach den Sternen gegriffen hat». Ein griffiger Titel. Aber er greift zu kurz.
Mich interessiert eine andere Geschichte.
Was sah Thomas damals auf dem Dach, als er in den Himmel schaute?
Er sah Sterne. Den grossen Wagen. Möglicherweise die Andromeda-Galaxie, die bei dunklem Himmel als schwacher Lichtfleck sichtbar ist.
Und er stellte sich eine bemerkenswerte Frage: Wie sehen diese Sterne wohl von einem anderen Ort der Welt aus?
Wir leben alle unter demselben Himmel. Aber wir sehen ihn nicht von überall gleich. (Das gilt übrigens auch für jenes Universum, in dem ich tätig bin.)
Es könnte sein, dass die eigentliche Geschichte von Thomas Zurbuchen hier beginnt. Nicht bei der NASA. Nicht in Amerika. Sondern auf dem kurzen Weg nach Thun. Gerade mal zwanzig Minuten dauert die Fahrt von Heiligenschwendi mit dem Bus. Für Thomas Zurbuchen war es jedoch, wie er später sagte, der grösste Schritt seines Lebens.
Am Anfang stand ein Bruch. Ein Aufbruch.
Er ist aufgebrochen. Weil er wissen wollte, was hinter dem vertrauten Horizont liegt.
Und hier liegt vielleicht der Unterschied zwischen Thomas Zurbuchen und mir: Ich begnüge mich damit, gelegentlich meinen Meteoriten auf dem Schreibtisch zu betrachten. Thomas Zurbuchen wollte es genauer wissen.
Er beschäftigt sich mit Fixsternen.
Ich dagegen… Aber lassen wir das heute.
Aus dem Buben mit dem Feldstecher wurde ein Mann, der unseren Blick auf das Universum verändert hat. Von den grossen Missionen seiner NASA-Zeit haben Sie eben im Film gehört. Das Bemerkenswerteste daran: Thomas Zurbuchen hat nicht nach den Sternen gegriffen. Er hat etwas Interessanteres getan:
Er hat dazu beigetragen, dass wir sie besser sehen können.
Und je genauer wir hinsehen, desto mehr entdecken wir, wie viel wir noch nicht wissen.
Sicher ist nur: Um zu staunen und zu fragen bleibt uns nicht unbegrenzt Zeit. Das Universum ist rund 14 Milliarden Jahre alt. Ein Menschenleben dauert, mit etwas Glück, einige Jahrzehnte. Kosmisch betrachtet sind wir ein kurzes Aufblitzen.
Was wir in dieser kurzen Zeit tun, ist deshalb nicht ganz gleichgültig.
Wie Thomas Zurbuchen seine Zeit nutzen möchte, hat er kürzlich in einem Essay in drei Worte gefasst:
«lernen, dienen, weitergeben»
Entscheidend ist nicht, dass er diese drei Worte geschrieben hat. Sondern dass er sie lebt.
Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Grund der heutigen Preisverleihung.
Wir würdigen heute nicht einfach einen Berner Oberländer, der es in Amerika weit gebracht hat.
Wir würdigen einen Wissenschaftler, der nicht nur selbst geforscht, sondern Forschung für andere möglich gemacht hat.
Thomas Zurbuchen versteht es, Menschen zusammenzubringen. Er kann komplexe Organisationen leiten. Und er kann Wissenschaft so erklären, dass auch wir Nicht-Astrophysiker verstehen, weshalb sie uns etwas angeht.
Auch nach seiner Rückkehr hat Thomas Zurbuchen diese Arbeit fortgesetzt.
An der ETH Zürich hat er neue Möglichkeiten für die Weltraumforschung geschaffen. Vor allem aber hat er sein Wissen und seine Erfahrung an eine neue Generation weitergegeben.
Thomas Zurbuchen betont regelmässig, wie viel er der Schweiz verdanke. Sie habe ihm vieles ermöglicht. Und davon wolle er etwas zurückgeben.
Davon durften auch wir im VBS profitieren. Thomas Zurbuchen hat uns bei der strategischen Neuausrichtung des Schweizer Raumfahrtunternehmens «Beyond Gravity» beraten. Und er hat Parlamentarierinnen und Parlamentariern aufgezeigt, weshalb der Weltraum längst auch für die Sicherheit unseres Landes von Bedeutung ist.
Lieber Thomas, für Dein Engagement für die Schweiz danke ich Dir herzlich.
Wir hatten verschiedentlich Gelegenheit, persönlich miteinander zu sprechen. Ein Gespräch ist mir besonders in Erinnerung geblieben.
Es war ein Telefonat. Du warst irgendwo in den USA, an einer Universität. Du hast mir damals mit einer Begeisterung von Deiner Arbeit erzählt, die ich bis heute nicht vergessen habe.
Von der Freiheit. Vom Mut, etwas zu wagen. Einem Land, das Dir ans Herz gewachsen ist. Ein Land, das die Grenzen des Möglichen anders interpretiert.
Etwas von dieser Begeisterung schwappte damals über den Atlantik bis in die nüchternen Korridore des VBS.
Es überrascht mich deshalb nicht, dass es Dich nun wieder über den Atlantik zieht.
Thomas Zurbuchen hat in der Schweiz etwas aufgebaut, das bleibt. Und er selbst bricht wieder auf.
Das passt zu einer Geschichte, die Zurbuchen aus seiner Kindheit in Heiligenschwendi erzählt. Auf der Weide hätten sich die meisten Schafe um die Wasserstelle versammelt. Eines aber habe immer das Loch im Zaun gesucht. Das ist gar kein so schlechtes Bild für wissenschaftliche Neugier: Nicht dort stehen bleiben, wo alle stehen. Wissen wollen, was dahinterliegt.
Darin liegt auch etwas sehr Schweizerisches. Ein kleines Land wird wissenschaftlich nicht gross, indem es sich gemütlich an der Wasserstelle einrichtet. Sondern indem es über den Horizont hinausdenkt.
Diesen Drang, über das Vertraute hinauszugehen, hat der britische Autor Alfred Tennyson am Ende seines Gedichts «Ulysses» in vier Verben gefasst:
«To strive, to seek, to find, and not to yield»
Streben. Suchen. Finden. Und nicht nachlassen.
Es gibt kaum eine bessere Beschreibung für Thomas Zurbuchens Weg.
Im Zeitalter des Barocks fragte einer, der weite und gefährliche Reisen unternommen hatte, was edler sei: Der Aufbruch oder das Bleiben? Seine Antwort lautete: Da sich die Gestirne bewegen, sei es dem Menschen angemessen es ihnen gleichzutun. Damit sich unten, auf der bunten Welt, vollzieht, was oben im Blau des Himmels geschieht.
Auch Erkenntnis ist Bewegung. Wer etwas Neues versteht, sieht die Welt danach von einem anderen Standpunkt.
Und damit bin ich wieder bei dem kleinen Meteoriten auf meinem Schreibtisch.
Er erinnert mich daran, wie klein wir sind. Aber nicht unbedeutend.
Wir können staunen. Wir können fragen. Und wir können das Loch im Zaun suchen.
Möglicherweise ist dies die aussergewöhnlichste Reise von Thomas Zurbuchen: Nicht jene von Heiligenschwendi nach Amerika. Sondern jene vom Staunen zum Verstehen. Und immer weiter.
Zu streben. Zu suchen. Zu finden. Und nicht nachzulassen.
Thomas, ich wünsche Dir weiterhin eine gute Reise.
